Singleiterschein
In der Nazizeit war die zu allen Zeiten erfahrene emotionale Wirkung des Singens ins Exzessive getrieben und zur Gleichschaltung von Individuen missbraucht worden, so dass Singen noch Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg weitgehend tabu war. In den Schulen wurde soziologisiert und nicht mehr gesungen (Reinhard Mey „Annabell, ach Annabell, Du bist so herrlich intellektuell, Du bist so wunderbar negativ, Und so erfrischend destruktiv.“)
Aus Freiburg kommend, wo ich mehrere Chöre und Singgruppen geleitet und als Lehrer mit den Schülern am Gymnasium und vor allem an der Grundschule Heimbach im Schwarzwald selbstverständlich jeden Tag gesungen hatte, musste ich entsetzt feststellen, dass in der Musiklehrerausbildung an der Universität Münster Singen abgeschafft war. Mein daraufhin als Band 1 der Reihe „Musikwissenschaft und Musikpädagogik“ erschienenes Buch „Das Lied in Unterricht und Therapie“ von 1978 war eines der ersten Bücher, die sich für das Singen eingesetzt hatten.
In der Musiktherapie muss Singen jedoch mit großer Bedachtsamkeit verwendet werden. Nur mit profundem musikpsychologischem Wissen können die spezifischen Voraussetzungen des Patienten aufgegriffen und mit den typischen Wirkungssubstanzen der Musik und ihrer Art der stimmlichen Gestaltung möglichst gezielt musiktherapeutisch verwendet werden.
Selbstverständlich macht Singen Spaß und ermöglicht heilsame gesundheitliche und soziale Effekte. Das allein aber genügt nicht. Es gibt nun mal nicht nur ein reichhaltiges und sehr unterschiedliches Repertoire an Liedern/Songs, sondern auch die unterschiedlichsten Arten beim Singen, Begleiten und Leiten von Singenden.
Der von der Akademie in Münster ausgestellte Singleiterschein soll gleicherweise für die Ansprüche in Krankenhäusern und Gesundheitseinrichtungen wie auch für die speziellen Anforderungen bei Senioren und in den weiteren verschiedenen musiktherapeutischen Berufsfeldern befähigen.
Siehe das Video zu der Reportage „Bock auf Singen. Warum Chöre wieder cool sind“ des BR vom 4.4.2018.
Singleitung, vom Kulturreferat großer Städte wie München zeitweise gefördert, also nicht nur in Gesundheitseinrichtungen und Krankenhäusern, ist seit jeher Bestandteil der berufsbegleitenden Musiktherapieausbildung in Münster. Sie qualifiziert Singleiter für die Leitung und Durchführung von Singgruppen und Aktivitäten in Gesundheitseinrichtungen und Krankenhäusern. Neben einer Vielzahl von handwerklichen Fähigkeiten (Liedrepertoire, Stimmbildung, Anleitung von Singgruppen) werden neben Anleitungen zur vielfältigen Praxis des Singens auch theoretische Hintergründe Arbeit mit speziellen Zielgruppen (z. B. Psychiatrie mit Kinder und Jugendlichen, die entsprechend ihrer Gefühlslage und soziologische Umfelds ganz andere Musik und ihrer Lage gemäßte Texte benötigen) vermittelt und geeignete Liederbücher und Songhefte aus der riesigen, in Jahrzehnten gesammelten Auswahl empfohlen.
Besonderheiten dieser Ausbildung in Singleitung
Natürlich erhalten die Absolventinnen und Absolventen nach der Ausbildung ein Zertifikat zum Singleiter für Gesundheitseinrichtungen und Krankenhäuser.
Zusätzlich bekommen sie ein Studienbuch, in dem das Curriculum und die Themen der Ausbildung nachzulesen sind.
Wer sich am Ende der Ausbildung einer Prüfung unterzieht, erhält ein detailliertes Zeugnis, das die Befähigung zur „Professionellen Singleitung“ testiert.
Was wird in der Ausbildung zum Singleiter vermittelt?
Professionelle Singleitung – Kompetenz, die wirkt
Die Ausbildung zur professionellen Singleitung vermittelt weit mehr als das Anleiten von Liedern. Sie qualifiziert dazu, Singen gezielt, verantwortungsvoll und wirkungsvoll in unterschiedlichen Kontexten einzusetzen – insbesondere im gesundheitsbezogenen und therapeutischen Bereich.
Ganzheitliche Qualifikation für anspruchsvolle Praxis
Teilnehmende erwerben sowohl fundierte praktische Fähigkeiten als auch ein tiefes Verständnis für die Wirkungsweise des Singens. Dazu gehören:
- Aufbau und Leitung von Singgruppen in verschiedenen Settings
- Entwicklung von passenden Singangeboten für unterschiedliche Zielgruppen
- Erweiterung eines vielseitigen Lied- und Übungsrepertoires
- Stimmliche Präsenz, Stimmpflege und authentisches Anleiten
- Gestaltung von Singprozessen – von der ersten Begegnung bis zur nachhaltigen Gruppenentwicklung
Gleichzeitig wird besonderer Wert auf Reflexion und verantwortungsbewusste Rollenklärung gelegt. Singleiterinnen und Singleiter lernen, ihre eigenen Möglichkeiten, aber auch Grenzen realistisch einzuschätzen und professionell damit umzugehen.
Singen als Ressource für Entwicklung und Gesundheit
Im Zentrum der Ausbildung steht das Verständnis von Singen als kraftvolles Medium zur Förderung von:
- emotionaler Ausdrucksfähigkeit und Selbstregulation
- sozialer Verbundenheit und Resonanz
- körperlicher Wahrnehmung und innerer Balance
- kreativer Entfaltung und persönlicher Entwicklung
Dabei wird deutlich: Die Wirkung des Singens entsteht nicht allein durch das Lied selbst, sondern durch die bewusste Gestaltung von Stimme, Atmosphäre und Gruppenprozess.
Arbeit mit unterschiedlichen Zielgruppen
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der differenzierten Arbeit mit Menschen in verschiedenen Lebenssituationen und Herausforderungen. Die Ausbildung befähigt dazu, Singangebote individuell anzupassen – etwa für:
- Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen
- Menschen in psychischen Krisen
- Personen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen
- Gruppen in klinischen und sozialen Einrichtungen
Hierbei lernen die Teilnehmenden, sensibel auf unterschiedliche Voraussetzungen einzugehen und angemessene Formen der Ansprache, Anleitung und musikalischen Gestaltung zu wählen.
Erleben, Verstehen und Anwenden
Die Inhalte werden praxisnah vermittelt – durch eigenes Erleben, Selbsterfahrung und gemeinsames Reflektieren. So entsteht ein lebendiger Lernprozess, der Theorie und Praxis eng miteinander verbindet.
Teilnehmende erfahren am eigenen Körper und in der Gruppe, wie:
- Stimme, Atmung und Körperhaltung zusammenwirken
- Lieder emotionale Prozesse anstoßen und begleiten können
- gemeinsames Singen Gemeinschaft stärkt und Isolation überwindet
Perspektiven nach der Ausbildung
Nach Abschluss verfügen Absolventinnen und Absolventen über die notwendigen Kompetenzen, um Singgruppen verantwortungsvoll und wirkungsvoll zu leiten – sowohl im therapeutischen Kontext als auch in gesundheitsfördernden und sozialen Arbeitsfeldern.
Sie sind in der Lage, eigenständig Singangebote zu konzipieren, durchzuführen und weiterzuentwickeln – und Menschen durch die Kraft des Singens nachhaltig zu erreichen.
Anmeldung unter: info@mtk-akademie.de
Fragen zur Singleitung
Frage: Was bedeutet Singleitung im musiktherapeutischen Kontext?
Antwort:
Singleitung beschreibt das gezielte, therapeutisch verantwortete Anleiten von Singgruppen unter Berücksichtigung musikpsychologischer Wirkfaktoren.
Frage: Reicht Singen allein als therapeutisches Mittel?
Antwort:
Nein. Singen kann wirksam sein, erfordert jedoch fundierte Kenntnisse über musikalische Wirkung, Dosierung und individuelle Voraussetzungen.
Frage: Wie lange dauert die Ausbildung?
Antwort:
Die Ausbildung in Singleitung dauert normalerweise 1 Intensivkompaktwoche, wobei die frei wählbaren Termine lediglich der Absprache mit der Leitung bedarf. Es muss geschaut werden, ober die benötigten Räume und die Dozenten frei sind.
Wer im Unterrichtsgebäude für 20 € pro Nacht übernachten will, muss Bettwäsche und Handtücher mitbringen. Duschen mit heißem Wasser, Herd zum Kochen, Kühlschrank und Orchester- und Volksmusikinstrumenten sowie Geräuschinstrumenten, die in der Musiktherapie und vor allem in Singgruppen besonders beliebt sind, sind reichlich vorhanden.
Wer übernachten möchte, erhält einen Schlüssel und kann in der von Unterricht freien Zeit üben und dazu die Instrumente seiner Wahl benutzen.
Frage: Wie sind die Kosten?
Antwort:
Normalerweise maximal 1.500 €
Frage: Gibt es eine spezielle Qualifikation?
Antwort:
Es wird ein Singleiterschein angeboten, der für Tätigkeiten in Gesundheits‑ und Sozialeinrichtungen zur Professionellen Singleiterin bzw. zum Professionellen Singleiter qualifiziert.